Masal

Der Kiepenträger
In alter Zeit, als die Fliege noch Imam war, als meine Mutter meine Wiege schaukelte, hat sie sie umgeworfen. Mein Vater ergriff die Feuerzange, meine Mutter packte die Wiese und ging um die vier Ecken. Als das Kamel noch Ausrufer, der Esel noch Barbier war und ich die Wiege meines Vaters schaukelte, da gab es einmal einen armen Kiepenträger. Dieser arme Mann mühte sich ab und konnte von dem Geld, das er verdiente, gerade durchkommen.
Eines Tages brachte er eine Last zu dem Hause eines Vornehmen. Auf dem Rückweg sah er, wie die Kinder des Stadtviertels eine Schlange steinigten. Sofort wandte er sich an sie und sagte: "Kinder, steinigt sie doch nicht! Das ist eine Sünde, denn auch sie hat eine Seele. Ich will euch meinen heutigen Verdienst geben! Damit geht, kauft euch Nüsse und spielt." Den Kindern gab er das Geld, nahm die Schlange und brachte sie nach Hause. Auf ihre Wunden strich er ein Heilmittel und nährte das Tier mit Milch.
Nachdem seine Schlange gesund geworden war, dachte der Kiepenträger: "Es wäre schade, wenn sie im Hause bliebe " und brachte sie auf ein Feld, wo er sie zurückließ. Auf dem Feld kroch das Tier sowohl vorwärts, drehte sich aber auch um und sah dem Lastträger nach. Der Kiepenträger wunderte sich über das Benehmen der Schlange und dachte: "Vielleicht will sie mir sagen: <Komm hinter mir her!>", und er folgte der Schlange.
Endlich kam die Schlange an eine Stelle, wo sie sich zusammenringelte. Dabei drehte sie sich wieder um, blickte zu dem Lastträger und dann zu Boden. Der Zweifel des Mannes mehrte sich, und indem er sich bückte, schaute er aufmerksam auf den Boden. Dort lag ein großer Ring. Er ergriff den Ring, zog heftig daran und öffnete eine große Tür. Die Schlange schlüpfte durch die Tür hinein, drehte sich wieder nach dem Kiepenträger um und sah ihn an. Hinter ihr trat auch der Kiepenträger ein. In diesem Augenblick schüttelte sich die Schlange und wurde ein schönes Mädchen, welches zu dem Kiepenträger, der es ganz erstaunt ansah, sagte: "Du hast mich vor dem Tode gerettet, ich werde dir nun dafür etwas Gutes tun." Sie machte dem Kiepenträger ein Zeichen, ihr zu folgen, und sagte: "Jetzt werden wir zu meinem Vater gehen. Wenn mein Vater dich fragt: <Was wünschest du?>, sollst du sagen: <Eure Gesundheit), und wenn er sehr darauf besteht, wirst du sagen: <Ich wünsche das Holzstückchen, das unter Eurer Zunge ist.">
Dann traten sie durch die zweite Tür. Als die Türwächter das Mädchen sahen, brachten sie ihrem Vater die gute Nachricht, wollten aber den Mann nicht hereinlassen. Als sie jedoch feststellten, daß das Mädchen ihn mitgebracht hatte, erlaubten sie ihm einzutreten.
Das Mädchen begab sich zu seinem Vater, dem König der Schlangen, Schahmeran, und erzählte ihm alles, was ihm zugestoßen war. Es erzählte auch, daß es den Mann mitgebracht habe, der es gerettet hatte. Schahmeran war darüber sehr erfreut, rief den Lastträger zu sich und sagte: "Wünsche dir etwas. Was wünschest du von mir?"
Der Lastträger gab zur Antwort: "Mein Padischah, Eure Gesundheit!" Schahmeran bestand darauf und sagte: "Schön, und was wünschest du noch?" Der Kiepenträger sagte auf den Rat des Mädchens hin: "Ich wünsche das Holzstückchen, das unter Eurer Zunge ist, mein König." Der Vater des Mädchens war sehr erstaunt und fragte: "Woher weißt du das? Ich will dir Gold, Diamanten und Silber geben, soviel du auch haben willst." Darauf entgegnete der Lastträger: "Das wünsche ich nicht!"
Der Padischah sagte nun: "Das hast du von meiner Tochter erfahren, nicht wahr?" und gab dem Jüngling das Holzstück. Das Mädchen beglückwünschte den Jüngling, daß er das Holzstück von ihrem Vater erhalten hatte, und fuhr fort: "Ich werde dir sagen, wie du das Holzstück gebrauchen mußt. Du mußt es irgendwohin legen, indem du sagst: "Hölzchen, drehe dich, Hölzchen, drehe dich." Dann wird ein Neger kommen, dem du befehlen kannst, was du willst."
Der Jüngling nahm Abschied von dem Mädchen und kehrte nach Haus zurück. Weil er nicht gearbeitet und deshalb nichts verdient hatte, war er sehr hungrig. So zog er das Holzstück heraus und sagte das, was ihn das Mädchen geheißen hatte. Da erschien ein Neger und sagte: "Zu Euren Diensten!" Der Kiepenträger antwortete: "Ich habe großen Hunger, bringe mir ein gebratenes Huhn!" Sofort kam das gebratene Huhn, und der Kiepenträger aß sich satt.
Nachdem einige Zeit verstrichen war, bewarb sich dieser Jüngling um die Tochter eines Padischahs eines fernen Landes. Da der Padischah seine Tochter nicht fortgeben wollte, verlangte er eine große Morgengabe: "Schaffe vierzig Kamellasten Perlen, vierzig Kamellasten Schmuck und ein Schloß mit vierzig Zimmern meinem Palais gegenüber herbei! Dann will ich dir meine Tochter geben." Er hoffte jedoch, daß der Kiepenträger das alles nicht herbeischaffen könne.
Der Kiepenträger rief den Neger und zählte ihm eins nach dem anderen auf, was der Pascha verlangte, und befahl, das alles in vierzig Tagen herbeizuschaffen.
In vierzig Tagen war alles bereit. Der Padischah war erstaunt und dachte nach, was er dagegen tun könne. Nun gab es in jenem Lande eine Hexe und Zauberin, die er rufen ließ: "Was ist das für eine Kraft, womit der Kiepenträger diese Arbeiten vollbringt? Wenn du das herausfindest, werde ich dir geben, was du willst. Wir müssen meine Tochter vor diesem Jüngling retten."
Die Frau antwortete: "Sehr wohl, mein Gebieter" und stieg in ihren Krug, nahm ihre Peitsche aus Schlangen und war in fünf Minuten in dem Land des Kiepenträgers. Sie versteckte ihren Krug und ihre Peitsche in einer Höhle.
Zur Zeit des Gebetsrufes klopfte sie an die Tür des Kiepenträgers und bat ihn, er möge sie für eine Nacht aufnehmen, da sie fremd sei und sonst auf der Straße bleiben müsse. Der Jüngling tat gerne etwas Gutes und nahm sie bei sich auf. Sie aßen und tranken und fingen dann an, sich zu unterhalten.
Der Jüngling erzählte, daß er die Tochter des Padischahs heiraten wolle und alles, was sie wünsche, tun würde. Da fragte die Frau, wie er das alles gemacht habe, obwohl er arm sei.
Der Kiepenträger erzählte nun die Geschichte von dem Holzstückchen, wie sie war, und zeigte es. Die Frau paßte auf, wohin der Jüngling das Holzstückchen legte, und um Mitternacht nahm sie es und machte sich davon. Sie stieg in ihren Krug, kehrte in ihr Land zurück und erzählte dem Padischah die ganze Geschichte. Die Frau sagte: "Hölzchen, drehe dich!" Als der Neger vor ihnen erschien, befahl der Padischah, den Kiepenträger in den Brunnen zu werfen.
Der arme Kiepenträger schlief zu Hause zusammen mit seiner Katze. Der Neger ergriff sie beide und warf sie in einen ausgetrockneten Brunnen. In diesem Augenblick nun erwachte der Jüngling und war sehr erstaunt.
Natürlich hatten sie einige Tage nichts zu essen. Als sie darüber nachdachten, was sie tun könnten, kam aus einem Loch eine Maus heraus. Die Katze wollte die Maus fangen, aber der Jüngling war damit nicht einverstanden. Dies gefiel der Maus sehr, und sie wollte dem Jüngling etwas Gutes tun und sagte zu ihm: "Was wünschst du dir? Sprich!" Der Kiepenträger erzählte seinen Kummer und sagte: "Ich möchte das Holzstückchen, das sich beim Padischah befindet."
Daraufhin versammelten sich die Mäuse und wählten vier aus ihrer Mitte, die diese Arbeit vollbringen sollten. Die erste war eine lahme Maus, die zweite Maus war auf einem Auge blind, die dritte war eine Maus mit einem halben Schwanz, der ihr durch einen Wagen abgefahren war, die vierte war eine alte Maus.
Diese vier Gefährten machten sich auf den Weg. Scherzend und vergnügt gelangten sie zum Palast des Padischahs. Sofort liefen sie zwischen die Holzböden und begannen mit der Erkundung. Die blinde Maus beobachtete mit ihrem einen Auge das Zimmer des Pascha. Der Pascha hatte das Holzstück, um ganz sicherzugehen, an einer Schnur an der Decke aufgehängt. Die blinde Maus gab darüber ihren Gefährten Nachricht. Indem sie die Schnur langsam zernagten, nahmen sie das Holzstück und brachten es dem Kiepenträger. Als dieser das Holzstück bekommen hatte, rief er sofort den Neger und befahl ihm, ihn aus dem Brunnen herauszubringen. Nachdem er nach Hause gekommen war, rief er den Neger wieder und befahl ihm, den Padischah zu ihm zu bringen und die Hexe zu töten.
Zuerst brachte der Neger die Hexe um, dann schaffte er den Padischah mit Mühe und Not herbei. Der Kiepenträger trat dem Pascha entgegen mit den Worten: "Ich habe alles getan, was du verlangt hast. Aber du hast dein Wort nicht gehalten. Wenn deine Tochter mich wirklich nicht will, macht es nichts, aber wenn du sie nicht geben willst, geht es dir schlecht. Wenn ich jetzt wollte, könnte ich mit diesem Stück Holz deine Königswürde vernichten", und dann verzieh er dem Padischah.
Er rief den Neger und befahl ihm, den Pascha in sein Schloß zurückzubringen. Kaum war der Pascha in seinem Schloß, betrieb er in Aufregung die Vorbereitungen und brachte seine Tochter als Braut in das neuerbaute Schloß mit den 40 Zimmern. Auf diese Weise war der Padischah vom Tode gerettet, und auch seine Tochter war glücklich, weil sie sich in den Jüngling verliebt hatte, der ein reines Herz besaß und das Gute liebte. Sie führten ein prunkvolles Leben.

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